Der Nachfolger von Pawrtner. Ich bin mit der Geschichte schon zufriedener. Ist aber noch lange nicht das, was ich erreichen will.
Heimat
Knacken und Knistern erfüllte gepaart mit der Wärme des Kamins den Raum, in dem Nox auf einem Teppich lag. Ihre Füße strampelten in der Luft und ihr Schwanz wippte hin und her. Vor ihr lag ein Buch aufgeschlagen. Verschnörkelte Buchstaben schlangen sich ineinander und leuchteten mit Blau-, Grün- und Rottönen in den Augen des Mädchens. Sie hatte eine violette Wurzel im Mund und biss gelegentlich darauf herum. An den Holzwänden lehnten Bücherregale, Schränke voller Gläser, gefüllt mit den buntesten Blättern, Wurzeln und Früchten, ein Gemälde von einem gefiedertem Hirsch mit einem blauen Entenschnabel und über dem steinernen Kaminsims ruhten Dolche aus weißem Stahl.
Hinter Nox stand ein runder Tisch an dem ein Mann saß. Er lehnte mit dem Gesicht auf die dunkle Tischplatte und schlief.
»Miauster? Wann gibt es Essen?«, fragte Nox und blickte über die Schulter. »Miauster?« Das Katzenmädchen sprang auf und blies ihre Backen mit Luft auf. »Miauster!« Sie stichelte mit ihren Fingern in den Bauch des Miausters. Dieser schreckte auf und kippte um. Im letzten Moment hielt er sich an der Tischkante fest und stieg langsam von dem Stuhl. Ein feuchtes Blatt Papier hing an seinem Kinnbart.
»Was? Wieso? Nox!«
Nox grinste und umarmte den Miauster. »Hunger!«
»Schon wieder? Hast du nicht erst bei Sonnenaufgang den ganzen Topf alleine geleert?«
»Ja. Und jetzt ist der Mond bereits ganz oben am Himmel!«
Der Miauster riss die Augen auf und schaute aus dem Fenster. »Es ist doch helllichter Tag!«
»Nicht in Katzenzeit«, antwortete Nox und blähte ihre Bäckchen wieder auf.
Der Miauster seufzte.
Eine Schale mit Nudeln stand vor dem Mädchen. Dampf stieg auf und erfüllte den Raum mit den Geruch von Lauchzwiebeln und Ei. Die Beiden aßen die Suppe und tranken süßen Wein.
»Mehr Honig«, sagte Nox, nach dem ersten Schluck und nahm den Topf mit der goldenen Flüssigkeit zu sich.
Der Miauster stellte seine Schüssel ab, hielt einen Moment inne und sagte: »Ich hab es endlich gefunden.«
Nox wackelte mit den Ohren und schluckte ihre Nudeln herunter. »Das heißt wir können endlich losgehen?«
Der Miauster nickte. »Wir werden in zwei Tagen aufbrechen. Bis dahin musst du die Tränke vorbereiten und die Hühner verkaufen. Ich werde die Bienen in das Nachbardorf leiten und dort einige Dinge kaufen, die wir noch brauchen«, sagte er.
Nox leerte ihren Becher und sprang von dem Stuhl. Sie nahm das Buch und knallte es auf den Tisch. »Dann werde ich endlich den Baum sehen!« Jubelnd sprang Nox durch die Hütte. Auf dem Einband des Buches befand sich eine Gravur eines großen Baumes. Sieben Kugeln umringten ihn und strahlten in verschiedenen Farben.
»Yggdrasil, der Baum des Lebens«, sagte der Miauster.
Nox sprintete auf den Miauster zu und sprang auf seinen Schoß. »Komm! Lass uns die Geschichte noch einmal lesen!«
Der Miauster schüttelte den Kopf. »Wir haben viel zu erledigen.«
Nox klimperte mit den Augen.
»Ok. Ein letztes Mal.«
»Der Grund warum es uns gibt, alles, was vom Licht berührt wird, ist ein jener Spross. Gesetzt vor der Zeit in einem Ort vor dem Raum. Eine Esche, alles überschattend, erfüllte die Welt mit Liebe, Wärme und Leben. In alten Zeiten tranken die Menschen den Tau der Blätter, nährten sich an den Wurzeln. Der Baum schenkte seine Kraft und nahm sich die der Toten.«
Nox umarmte den Miauster und kuschelte sich in ihre Decke.
Der Miauster lächelte und blätterte um. »Konton, ein alter Freund der Esche, erfüllt von Neid, gab den Menschen Äxte, lehrte sie Häuser, Stühle und Tische zu fertigen. Der Weltenbaum jedoch war voller Freude. Sein Holz spendete seinen Kindern Unterschlupf und Komfort.
Konton brodelte. Er lehrte den Menschen den Bau von Speeren, zeigte ihnen wie man Fisch ausnahm und Schafe scherte. Die Esche weinte Tränen des Glücks. Der Kreislauf war vollkommener denn je. Seine Söhne und Töchter verzerrten mehr Energie. So gaben sie ihren Teil nach dem Leben zurück.Konton brachte Streit, Krieg und Mord unter die Menschen. Die Esche schenkte den Menschen Versöhnung, Frieden und die Fähigkeit Kinder zur Welt zu bringen.
Konton gab ihnen das Feuer und lehrte sie die Böden von Unkraut zu befreien. Die Wälder starben und der Untergrund wurde giftig.
Der Baum erfand Boote und zeigte den Menschen die Gezeiten, sodass sie sich verteilten und der Natur Zeit zum regenerieren gaben.
Konton verwandelte sich in eine Maid. In dieser Form entehrte er die Ehe vieler Menschen, brachte Neid, Wut und Rache in die Herzen der Menschen. Jahrhunderte wandelte Konton in der Welt und verdarb jeden, der der Maid der Verzweiflung über den Weg lief. Der Baum wurde alt. Seine Blätter verloren an Kraft, sein Holz spröde. Konton nahm einen Pfeil und entzündete die trockene Esche.
Die Welten brannten und die Zeit selbst zitterte.« Der Miauster legte das Buch zur Seite und starrte in weit aufgerissene Augen. Er seufzte und nahm das Buch wieder hoch.
»Konton kletterte auf die Krone des Baumes und sprach:
Einst warst du Freund, doch schenktest du deine Aufmerksamkeit den Menschen. Ich verging in der Finsternis. So musst du die Folgen spüren!<< Der Baum weinte. >>Unendliche Liebe wartete. Du, Freund mein, nahmst dich selbst zurück. Du warst edel. Du lehrtest den Menschen die Freiheit. Ich sehe zu dir auf.<<
Konton splitterte. Er verwandelte sich zurück in seine schuppige Urgestalt und umarmte den Baum. Gemeinsam brannten sie nieder. Von Flammen verschlungen. Die Menschen waren alleine. Ihre Tränen machten das Meer salzig. Die Söhne und Töchter von Konton nahmen die Asche und bauten daraus neues Land. Voller Leben. Der Körper des Drachen öffnete sich und ein Spross wuchs in die Höhe.
Goldene Flocken regneten auf die Menschen und brachte ihnen das letzte Geschenk von Konton. Magie.«
Der Miauster nahm einen Schluck Wasser und betrachtete Nox. Ihre Nase zuckte, während sie sanft einatmete.
»Gute Nacht«, sagte er und entfernte sich von dem Bett.
Der Fluch der Scharlach
»Komm! Wir müssen los!«, rief Nox und winkte. Sie schaute auf das Haus hinab und beobachtete den Miauster, der die Tür abschloss und seinen Beutel an seinen Rücken band. Er streckte sich und bestieg den Hügel auf dem das Katzenmädchen wartete. Nox sprintete los, als der Miauster sie erreicht hatte.
»Verbrauch nicht sofort deine Energie«, sagte er und setzte seine Hand auf ihren Kopf.
Abrupt blieb Nox stehen und rieb ihren Kopf dagegen. Gemeinsam wanderten sie den Hügel hinab und folgten einem Trampelpfad bis zu einer breiteren Straße aus Kies. Hohe Bäume und Sträucher grenzten an den Weg an. Die Sonne folgte ihnen, überholte sie und verschwand vor ihnen hinter dem Horizont, als sie an einem Jägerstand vorbeikamen.
»Ich hab Hunger!«, sagte Nox und setzte sich auf den Boden.
Der Miauster nickte und klopfte an der Tür der kleinen Hütte. Ein braunhaariger Mann mit einem Schnauzer schaute aus dem Fenster und zog die Augenbraue hoch.
»Ich hab dich ja ewig nicht gesehen kleine Nox!«, rief er und lies die Beiden hinein. Der Miauster legte das Gepäck ab und setzte sich an den Tisch, während Nox um den Jäger herumsprang.
»Opa Zuroh! Opa Zuroh! Wir gehen zum Baum!«
Der Mann lachte und deutete der dicken Frau, die in der Küche stand herzukommen.
»Oma Elfa!« Nox hüpfte wild umher und umarmte die Frau.
Sie lächelte und sagte: »Wie schön es doch ist junge Menschen um sich zu haben.«
Nox streckte sich und schnurrte, als der Miauster seine Hand auf ihren Kopf legte.
»Lass uns jetzt schlafen, wir haben einen langen Weg vor uns«, sagte er und setzte sich auf den Schaukelstuhl in der Ecke der Stube.
Nox deutete auf ihren Kopf und machte einen Schmollmund.
»Nox!« Der Miauster schüttelte den Kopf und schloss die Augen.
Das Mädchen schreckte zurück und grinste.
»Hier Kleines«, sagte Elfa und drückte ihr einige Decken in die Hände. Sie folgte der Alten Dame in das Schlafzimmer, wand sich jedoch noch einmal herum und betrachtete den bereits schlafenden Miauster.
Am nächsten Morgen reichte er den Alten einige Silbermünzen und den Schlüssel zu ihrer Hütte.
»Bitte passt darauf auf«, sagte der Miauster.
Sie durchstreiften den Wald, bis sie einen Fluss erreichten. Die Beiden folgten Flussaufwärts und verließen das Gehölz. Dahinter wartete eine große Wiese und Äcker, verstreute Mühlen und Bauernhäuser hatten sich darauf verteilt. Sie ließen die Felder hinter sich, erreichten ein winziges Dorf und füllten ihre Vorräte wieder auf. Sie mieden die Bewohner und andere Reisende. Vor Einbruch der Nacht gelangten sie vor einen dicht durchwachsenen Wald. Von weitem erkannte man die Krone einer gewaltigen Esche aus dem Zentrum.
»Morgen ist es soweit«, sagte der Miauster.
Nox nickte. »Wie werden wir«, ehe das Mädchen den Satz beenden konnte legte der Miauster ihr einen Finger auf die Lippen. Sofort leckte sie ihn ab.
»Ich erkläre dir alles morgen, lass uns hier unser letztes Lager aufschlagen.«
Nox sprintete herum und sammelte alte Äste am Rande des Waldes. Immer wieder hielt sie inne. Irgendetwas stimmte nicht. In dem Wald war Etwas. Sie starrte hinein. Bäume, Blätter, Farn, Sträucher und Moos. Nox schüttelte den Kopf, ging zu dem nächsten Ast. Da! Wieder war da Etwas. Als würde sie jemand rufen, tief im Wald. Eine unheimliche Aura, die doch so anziehend wirkte.
Hinter ihr ertönte ein Knacken und Nox wirbelte herum, wobei sie all ihr gesammeltes Holz fallen ließ. Vor ihr stand ein kleiner Mann. Schwarzer dichter Bart, Narben in Gesicht und auf der nackten Brust. Sein Haar war sorgsam zu einem Zopf geflochten worden. Purpurfarbene Samthosen und ein Degen an seinem Gurt. Diverse Lederbeutel und kleiner Messer hingen an den vier Gürteln, die er quer über seinem Oberkörper hängen hatte.
»Wer bist du?«, fragte Nox und ließ ihre Hand zu einem kleinen Dolch wandern, der im Saum ihres Gewandes eingearbeitet war.
»Ein kleines Mädchen allein hier draußen im Wald? Süße Öhrchen hast du da«, sagte er und grinste.
Nox knurrte und zog das Messer hervor. Sie spannte ihre Muskeln an und wollte losspringen, doch packten sie zwei Männer von hinten an den Armen und drückten sie hinunter.
Panisch zappelte sie und scheuerte sich die Schienbeine an dem dornigen Geäst auf dem Boden auf.
»Nicht so grob. Sieh mal Kleine. Du bist hier in der Unterzahl. Also wenn meine Freunde dich loslassen bleibst du brav, verstanden?«
Nox fauchte.
Der Mann seufzte: »So ein Hitzkopf.« Er setzte sich auf einen Stamm und nahm einen Trinkschlauch, der an einem seiner Gürtel hing und trank. »Na gut dann eben so. Weißt du überhaupt wer ich bin?«
Nox schüttelte den Kopf. Ihr Schwanz peitschte hin und her.
»Siwan. Siwan Rettel. Für dich Käpt´n Rettel. Ich kenne dich Kleine. Du warst an Bord der Scharlach!«
Nox´ Pupillen wurden zu Schlitzen.
»Das ist ja durchaus interessant!« Rettel, Nox und seine Leute schreckten auf, als die vertraute Stimme erklang. »Aber wenn ihr sie nicht loslasst, seid Ihr für längste Zeit Käpt´n gewesen!« Der Miauster stand hinter Rettel und drückte einen Dolch an den Nacken des Seemanns.
Rettel lachte. »Lasst das Kätzchen los«, befahl er.
Die beiden glatzköpfigen Rüpel ließen von Nox ab.
Sofort hüpfte sie zum Miauster.
»Du warst auch an Bord, nicht wahr?«, fragte Siwan.
»Hat Euch nicht zu interessieren, was wollt Ihr von ihr?«
Langsam stand der Käpt´nn auf und gesellte sich zu seinen Freunden. »Die Scharlach ist gesunken. Piratenjäger.«
»Wir waren die Piratenjäger«, sagte der Miauster.
»Das Schiff war verflucht. Magier hatten die Mannschaft kontrolliert«, sagte Siwan.
»Man erzählt sich, ein Katzenmädchen und ihr Begleiter hätten den Fluch gebrochen und die Scharlach dem Handelsbund überlassen«, setzte Siwan fort.
Der Miauster nickte. »Gutes Geld.«
Der Käpt`n lachte. »Die Scharlach traf auf mein Schiff. Ein einfaches Ziel. Wir enterten sie. Die Mannschaft war tot. Die Ladung verfault. Eine Frau erschien und verfluchte uns alle! Die Hexe Astrid. Mein Schiff, die Forsaken Hope, wurde vom Meer verschlungen! Meine Männer verloren ihre Freiheit!«
Der Miauster spuckte auf den Boden. »Das ist nicht möglich! Ich habe die Hexe mit meinen eigenen Händen getötet!«
Rettel schüttelte den Kopf. »Sie sucht nach ihr!« Er deutete auf Nox. »Die Hexe ist an die See gebunden, also schickte sie uns, doch wirkt ihr Zauber hier nicht. Aber meine Männer sind mit der See verheiratet. Wir lieben die Freiheit, den Wind, das Salz. Das Kätzchen ist der einzige Weg für uns wieder frei zu sein!«
Das Monster von Melka
»Das ist nicht wahr. Es gibt einen Weiteren«, sagte der Miauster und deutete auf den großen Baum.
Rettel blickte hinauf zur Krone der alten Esche und fasste sich ans Kinn. »Also sind die Legenden war? Sitzt die Quelle der Magie wirklich dort oben?«
Der Miauster umspielte seine Finger mit einigen Blitzen. »Ich kann es fühlen. Die Energie ist hier am stärksten. Hier kann ich es endlich beenden«, sagte er.
Der Käpt´n musterte den Miauster und Nox, dann wandte er sich zu seiner Mannschaft. »Jungs! Was haltet ihr davon?«
Ein Papagei schwang sich aus einem Baum in die Luft und setzte sich auf Siwans Schulter. »Keine Nox, Keine Nox! Miestvieh!«, krächzte der Vogel.
Nox erstarrte. Ihre Wangen liefen rot an.
Die Männer begannen zu lachen.
»Nimm´s Corax nicht übel. Wir haben ziemlich viel über dich geschimpft«, sagte Siwan und kraulte Corax den Kopf.
»Also? Wir haben nicht ewig Zeit.« Der Miauster deutete auf die sinkende Sonne.
»Schau. Das ist doch ganz einfach. Wir gehen mit euch zur Quelle der Magie. Wenn es sie wirklich gibt können wir die Hexe besiegen. Wenn es sie nicht gibt, können wir das Kätzchen mitnehmen und uns so befreien.«
Schweigend starrte der Miauster den Käpt´n an.
»Abgemacht«, sagte Nox.
Gemeinsam bauten sie ein Lager auf. Die Seeleute hatten Fisch, Salz und getrocknete Früchte bei sich und teilten es brüderlich. Sie aßen und tranken bis spät in die Nacht. Die ersten Männer fielen vor Trunkenheit in den Schlaf, als Nox plötzlich aufsprang.
»Kennt ihr eigentlich die Geschichte des Seemonsters von Melka?«, fragte sie in die Runde.
Die Seeleute schüttelten den Kopf und versammelten sich um das Mädchen.
»Also! Es fing mit einer Piratin und einem Käpt´n an, die gemeinsam auf der Jagd nach Schätzen waren«, setzte Nox an.
»Du kennst die Geschichte wohl schon«, sagte Rettel und stellte sich vor den Miauster, der am Rande des Lagers an einem Baum lehnte.
Er hatte sich die Kapuze ins Gesicht gezogen und kaute auf einem Ast herum.
Einige Zeit verstrich und Siwan seufzte. »Du vertraust meiner Mannschaft nicht, richtig?«
»Keine Nox! Keine Nox!«, zwitscherte Corax und flatterte um ihren Kopf herum.
Nox vertrieb den Vogel und setzte mit ihrer Geschichte fort. Ihre Augen glänzten und die Männer hingen an ihren Lippen.
»Vertrauen? Ihr kommt aus dem Nichts und droht sie zu entführen«, sagte der Miauster.
»Ich muss mich dafür entschuldigen. Astrid hat meinen Männern viel Leid hinzugefügt, aber schau sie dir an. Denkst du sie könnten ihr wirklich Etwas antun?«
Beide schauten zu dem Lagerfeuer. Nox gestikulierte wild und mimte ein gefährliches Monster nach. Sie knurrte bedrohlich und stolperte dann beinahe über ihren Schwanz. Sofort sprangen alle auf um sie abzufangen.
»Sie sind betrunken«, sagte der Miauster.
Siwan lachte. »Ja die meiste Zeit.«
Die Beiden schwiegen einige Zeit und betrachteten das Katzenmädchen.
»Das Monster drohte die Schaluppe der Piratin zu versenken. Doch sie bemerkte es nicht. Erzürnt suchte sie nach der Karte die der Käpt´n gestohlen hatte. Der Käpt´n steuerte auf die Insel zu. Er blickte zurück auf seine alte Freundin und auf das Monster.«
Corax landete auf Nox´ Kopf und schlug mit seinen Flügeln herum. Wieder begannen alle zu lachen.
»Sie ist alles, was ich noch habe«, sagte der Miauster.
Rettel schaute ihn an.
»Die Magie nahm mir alles. Und nur sie konnte mir noch Freude bringen. Sie war ihr Leben lang ein Sklave. Und jetzt will ich ihr das Leben geben, das sie verdient.«
Siwan zupfte sich am Bart. »Ich verstehe. Also würdest du dich meinen Leuten entgegenstellen?«, fragte er.
»Ich werde jeden vernichten, der ihrem Glück im Weg steht«, antwortete der Miauster.
»Und dann rammte der Käpt´n das Ungeheuer. Brüllend versank es mit seinem Schiff im Meer. Doch die Piratin war bereits weg. Sie hatte sein edles Opfer nicht bemerkt«, endete Nox die Geschichte.
Die Seemänner protestierten. »Zugabe! Das kann nicht das Ende sein!«, riefen sie.
Nox starrte hilfesuchend zum Miauster und trat zurück.
»Ende der Geschichtsstunde! Wir müssen für morgen ausgeschlafen sein!«, rief der Miauster und stellte sich vor Nox. Sie schmiegte sich an ihn und schaute hinter die Menge. Siwan stand neben einem Baum. Tränen rannen seine Wangen hinunter. Nox legte den Kopf zur Seite. Als Siwan ihre Aufmerksamkeit bemerkte wandte er sich ab und verschwand im Wald.
Muladhara
Corax krächzte laut und hackte auf Nox herum. Ihre Schreie weckten die meisten der Seemänner und den Miauster. Er hielt dem Vogel ein Messer unter den Schnabel und starrte ihn an.
»Mistvieh! Mistvieh«, sagte Corax und verschwand in den Baumkronen.
»Wenn der Käpt´n nicht drauf bestehen würde ihn mitzunehmen, hätten wir ihn schon lange gekocht«, sagte einer der Männer und rieb sich die Stirn.
»Alle Mann an Deck! Keine Müdigkeit vortäuschen. Wir ziehen sofort weiter!« Siwan richtete seinen Degen auf die Esche und nahm einen Schluck aus einem seiner Trinkschläuche.
»Aye Käpt´n«, raunten vereinzelte Männer.
Rettel räusperte sich.
»Aye Käpt´n Sir!«, stimmten alle ein und sprangen auf.
Der Miauster nahm Nox an der Hand und ging mit ihr voraus. Nox zuckte mit den Ohren. Da war wieder dieses Gefühl. Nox schaute sich um, ihr Blick heftete sich an die gigantische Esche. Sie wollte näher. Sie riss sich los und stürmte auf den Stamm zu.
»Nein! Warte!« Der Miauster folgte ihr. Sie stoppte kurz vor der Rinde und streckte ihre Ohren nach oben. Der Miauster konnte nicht stoppen und krachte Nox in den Rücken und stieß sie gegen den Baum. Sie kreischte, als die Rinde vor ihr nachgab und sich ein Eingang öffnete.
»Was ist passiert?« Siwan und seine Leute stürmten hinterher und bildeten vor der Baumhöhle eine Traube. Das innere des Baumes war tiefrot. Auf dem Boden und den Wänden waren kreisrunde Symbole eingraviert. Siwan sprang hinein und winkte seiner Mannschaft zu folgen. Ein süßlicher Geruch lag in der Luft. Nox sprang auf und schaute sich um.
»Ist es das? Ist hier die Quelle?«, fragte der Käpt´n.
»Nein«, sagte Nox. Sie sprintete aufgeregt hin und her.
»Das ist eine Prüfung«, sagte de Miauster.
Rettel nickte.
Nox berührte eines der Symbole mit ihrer Nasenspitze, als sie daran roch.
Der Raum begann zu beben. Die Öffnung in der Rinde schloss sich wieder und eine rote, leuchtende Kugel stieg aus der Mitte des Raumes auf.
Die Piraten sammelten sich um das Katzenmädchen. Der Miauster betrachtete die Kugel und zog einen Dolch hervor.
»Was wenn…«, ehe er seinen Satz beenden konnte vernahm er einen Schrei von Nox.
Er wirbelte herum. Die Seemänner hatten sie gepackt und pressten sie auf den Boden. Einer von ihnen zerrte an ihrer Kleidung. Der Miauster sprang los und riss den Übeltäter mit sich von Nox herunter. Er bohrte seine Klinge in die Schulter des Mannes und packte ihn am Hals.
»Versuch das noch ein Mal und ich zerfetze dich!«, zischte der Miauster. Er drehte sich zu Nox.
Die anderen Piraten saßen auf ihr und nagelten sie fest.
»Habt ihr den Verstand verloren?« Rettel packte den Mann, riss einen weiteren von dem Mädchen und schubste sie beiseite.
»Keine Nox! Keine Nox!«, krächzte Corax und hackte auf den Kopf eines Seemannes ein.
Sie befreite sich aus dem Griff und sprang rückwärts in die Kugel. Der Raum wurde hell erleuchtet, Nox kreischte, krachte zu Boden und es wurde dunkel in der Höhle.
»Nox? Nox!«
Die Wände erhellten sich und erfüllten den Raum mit einem schwachen, roten Licht. Nox schüttelte und streckte sich. Sie fasste sich an die Schwanzwurzel und strich über den Ring, den sie dort trug. Sie leckte sich die Lippen und murmelte:
»Komisch, der Geruch ist verschwunden.«
»Nox. Dein Haar!«, der Miauster half ihr hoch und starrte sie an. Nox legte den Kopf zur Seite, dann zog sie ein Strähnchen hervor und betrachtete es. Rot. Ihre Haare waren rot.
Nox schüttelte den Kopf. »Mach es weg!«, kreischte sie.
Der Miauster strich ihr durchs Haar und rieb daran. »Das… Ist jetzt so«, sagte er.
Siwan staunte. »Also was auch immer gerade passiert ist, meine Leute hat´s alle umgehauen.«
Die Männer lagen alle am Boden verteilt und deuteten durch heben der Brust letzte Lebenszeichen an.
»Irgendwas ist anders«, sagte Nox, »Ich fühle mich komisch.«
»Was meinst du?« Der Miauster schaute sich um.
Sie blickte beschämt auf Siwan und kuschelte sich an das Bein des Miauster.
Seufzend wandte sich der Käpt´n ab und schlenderte zu einer Wand. Der Miauster ging in die Hocke und Nox flüsterte:
»Da unten ist es jetzt anders, geordneter.«
Der Miauster zog eine Augenbraue hoch. »Was soll das jetzt heißen?«, fragte er.
Nox zuckte mit den Schultern. »Aber es ist gut. Sicherer«, fügte sie hinzu.
»Siwan. Ist der Abschaum da in Ordnung?«
»Die haben schon schlimmeres überlebt.«
»Wir müssen einen Weg hinaus finden. Nox?«
Das Katzenmädchen nickte und reckte die Ohren in die Luft. »Es ist wie draußen. Leise Stimmen. Aber es ist anders. Sie kommen von oben.«
Die beiden Männer schauten zur Decke. Ein orangefarbener Kreis mit einer eingearbeiteten Rune befand sich zentral über ihnen.
»Das dort? Sieht fast so aus wie…«, Siwan stockte, als sein erster Maat sich regte.
»Was bei der Meereshexe höchstselbst war mit euch los?« Siwan packte den Mann am Kragen und starrte ihm in die Augen.
»Was? Wovon sprecht Ihr Käpt´n Sir?«
»Davon, dass ihr allesamt über Nox hergefallen seid«, sagte der Miauster.
Der Maat schüttelte den Kopf.
»Nein. Das würden wir nie«, sprach einer der Bootsmänner, der sich langsam erhob.
»Mein Schädel!« Nach und nach erwachten sie alle, rieben sich die Köpfe.
»Keiner von euch erinnert sich?«, fragte Siwan.
Die Crew schüttelte die Köpfe.
»Das gehört zu der Prüfung«, sagte der Miauster.
Rettel kratzte sich am Kinn. »Du meinst die Kugel?«
Der Miauster nickte und streichelte durch das rote Haar.
»Es stimmt nicht ganz. Ich kann mich schon an Etwas erinnern. Eine Stimme«, sagte der Maat.
»Was hat sie gesagt?«
»Muladhara«, antwortete Nox für ihn.
»Was?«, Siwan zog ein Notizbuch herbei und schrieb das Wort auf.
»Was soll das heißen?«, fragte der Miauster.
»Ich weiß nicht, aber es fühlte sich so eindringlich an«, sagte der Steuermann.
»Nox! Was sagt die Stimme von oben?« Der Miauster packte sie und setzte das Mädchen auf seine Schulter.
»Svadhistana.«
Svadhistana
Rettel und der Miauster hoben Nox an die Decke. Sie schnüffelte an dem Symbol und berührte es mit ihrer Handfläche. Ein grelles Licht blitzte auf und Holzpfäle schob sich aus den Wänden. Sie bildeten eine Wendeltreppe die zu einer Öffnung in der Decke führte, die sich auftat. Corax flatterte sofort nach oben und krächzte vor sich hin. Nox sprang auf den Boden, machte ein schnurrendes Geräusch und hüpfte als Erste auf die Treppe.
»Kommt, wir müssen weiter!«, sagte sie und stieg hinauf.
Der Miauster, dicht gefolgt von Siwan und seinen Männern hinterher. Sie erreichten einen fünfeckigen Raum. Orangefarbene Pilze wuchsen aus den Wänden und erhellten mit leuchtenden Sporen den Raum.
Rettel stellte sich hinter Nox und legte seine Hände auf ihre Schultern. »Du bleibst auf immer mein«, sagte er.
Der Miauster schnaubte.
»Haltet ihn Männer. Er hat solch ein himmlisches Wesen gar nicht verdient«, befahl der Käpt´n. Vier Männer stürzten sich auf den Miauster und hielten ihn fest.
»Nein, Verrat!«, brüllte er, ehe ihn die Piraten knebelten.
»Miauster! Was soll das?«, Nox fauchte Rettel an und stieß ihn von sich.
»Du hast so viel mehr verdient. Ich kann dir alles geben was du möchtest. Er ist nur ein Landstreicher, ein Dieb. Er hat kein Recht auf dich«, sprach er.
»Ihr nehmt euch von allem immer das Beste! Wann sind wir dran?«, fragte der erste Maat. Vereinzelte Seemänner stiegen mit ein.
»Meuterer? Ihr wisst, was mit Meuterern gemacht wird!«
»Meuterei! Meuterei!«, krächzte der Papagei.
Blitze feuerten Piraten in alle Richtungen und der Miauster erhob sich wieder.
»Sie gehört zu mir! Ich habe sie aus der Sklaverei befreit und ihr ein Leben gegeben. Sie ist mein Schatz!«, brüllte er und schlug auf Siwans Gesicht ein.
»Magierabschaum«, antwortete der Käpt´n und gab seinem Gegenüber eine Kopfnuss.
Nox spitzte die Ohren.
»S v a d h i s t h a n a«
»Ich glaube ich verstehe was sie sagen!«
Die Männer um Nox herum kämpften miteinander. Sie prügelten einander nieder, hielten sich fest und beschimpften sich unaufhörlich. Corax setzte sich auf ihren Kopf und ließ sein grünes Gefieder mit dem rot ihrer Haare verschmelzen.
»Was ist denn mit ihnen?«, fragte sie.
»Keine Nox! Keine Nox! Mistvieh! Mistvieh!«, kreischte der Vogel.
Nox seufzte. Sie wich den Kämpfenden aus und ging zu den Pilzen. Sie roch daran. Geruchslos. Plötzlich schwang sich Corax in die Luft und flatterte aufgeregt herum.
»Was?«
»Haare! Haare! Mistvieh!«
Nox legte den Kopf zur Seite, so dass einige Strähnen ihres Haars in ihr Gesicht fielen. Die Sporen hatten sich an ihr Haar geheftet. Überall trug sie orange-leuchtende Punkte.
»Oh nein!« Sie schüttelte den Kopf und versuchte sie heraus zu zupfen.
»Mehr! Mehr!«, sagte Corax und krachte in Nox Rücken. Das Mädchen stürzte nach vorne, durch eine weitere Sporenwolke.
Hustend stand sie wieder auf. Wieder griff sie nach einer Haarsträhne. »Nein jetzt ist es ja noch mehr! Du dummer Vogel!«
»Jetzt reicht es!«, rief Rettel und zog seinen Degen.
»Oh du denkst, dieser Zahnstocher wird mich stoppen?« Der Miauster zückte seine Dolche und funkelte den Käpt´n an.
»Mehr! Mehr!«, wiederholte Corax.
Nox schaute sich im Raum um. Der Weg nach unten war verschwunden. An jedem Eckpunkt zwei der Pilze. Die Zwei deren Sporen sie berührt hatte leuchteten nicht mehr.
»Corax du bist ja gar kein Spatzenhirn«, sagte Nox und lief los. Sie steckte ihren Kopf durch die Sporen, bis sie alle in ihrem Haar gesammelt hatte. Der Raum verdunkelte sich und Nox Kopf war nun die einzige Lichtquelle die verblieb.
Die Geräusche des Kampfes verklangen. Der Raum bebte und grelles Licht verbreitete sich. Nox schloss ihre Augen.
Manipura
Als Nox die Augen öffnete, war der Raum in angenehmen orangefarbenen Licht erleuchtet und alle Männer starrten sie verdutzt an.
»Deine Haare…« Der Miauster steckte seine Dolche weg, und ging auf sie zu. »Was hab ich getan?«, fragte er.
»Du hast dich verzaubern lassen«, kicherte Nox und kitzelte ihn mit ihrer Schwanzspitze.
Corax landete auf Nox´ Kopf und machte es sich bequem.
»Dieser Baum… Ich hab ein ungutes Gefühl« Siwan betrachtete seine Mannschaft. Unzählige Wunden und Verletzungen verteilten sich auf die Männer.
»Ich verstehe die Stimmen jetzt«, sagte Nox.
Siwans Augen weiteten sich.
»Was sagen sie?«, fragte der Miauster.
»Es sind Empfindungen, Zauberformeln, Gefühle, Befehle, Anweisungen. Wir werden geprüft«, sagte sie.
»Und ist die Quelle hier?«, fragte Siwan.
Nox zuckte mit den Schultern.
»Das ist jetzt auch egal. Wir müssen einen Weg hier raus finden«, sagte der Miauster.
»Du stehst darauf.« Nox schob den Miauster beiseite und zeigte auf ein gelbes Dreieck am Boden. Sie legte ihre Hand darauf und wieder blitzte ein helles Licht auf. Aus dem Holz formte sich eine Leiter und bohrte sich in die Decke, wo langsam eine Öffnung entstand. Die Truppe nickte sich zu und stieg nach oben.
Der Raum über ihnen war dreieckig und an jeder Seite befand sich eine weitere Leiter nach oben. Gelber Schimmer lag in der Luft und ließ den Raum heller wirken, als er war. Sie versammelten sich und der Miauster schaute nach oben.
»Wollen wir weiter?«, fragte er.
»Hier ist es doch auch schön«, sagte Siwan. Die Mannschaft setzte sich. Corax verharrte auf dem Katzenkopf und schlief.
»Ich bin mir nicht sicher ob das eine gute Idee ist«, sagte Nox.
Der Miauster schüttelte seinen Kopf.
»Siwan! Da ist es wieder! Siwan!« Er schüttelte den Käpt´n und starrte ihm in die Augen.
Rettel stolperte Rückwärts und nieste kräftig.
»Das Kätzchen hat recht. Wir sollten weiter. Sofort!«, befahl er und stieg die Leiter hinauf. Der Miauster und Nox folgten.
»Was ist mit den anderen?«, fragte sie.
»Die werden schon wach, wenn wir das Rätsel dieses Raums gelöst haben«, sagte er.
Eine Ebene weiter oben befand sich ein Podest. Aus dessen Zentrum wuchs eine noxgroße Sonnenblume die ihre Pollen im Raum verbreitete.
»Das wird es sein«, sagte der Miauster. Nox nickte und drückte ihr Gesicht in die Blüte.
»Warte, so war das nicht gemeint!« Gelber Staub stieg auf und vernebelte die Sicht auf das Mädchen.
Die Beiden Männer mussten unzählige Male niesen und wedelten den Staub beiseite. Nox´Gesicht leuchtete gelb. Ihr Haar hatte sich entsprechend verfärbt und sie hielt den schlummernden Vogel in den Händen. Sie grinste.
»Dann sollten die Anderen ja jetzt wieder herkommen können«, sagte Rettel und schnäuzte in ein Tuch hinein. »Daraus wird nichts.« Der Miauster zeigte auf den Boden wo die Öffnungen für die Leitern waren. Sie hatten sich geschlossen.
»Wehe dieser Baum tut ihnen was. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es ist eine gute Mannschaft zu finden.«
In der Decke tat sich ein großes Loch auf und Ranken schossen plötzlich daraus hervor. Sie packten Nox und Siwan und zogen sie mit sich nach oben. Corax begrüßte das unsanfte Erwachen mit lautem Gezeter und folgte den Beiden, während der Miauster sich am Bein des Kapitäns festhielt.
»Nox!«
Anahata
Der Miauster erwachte. Grüne Ranken pressten ihn an die Wand. Hellgrünes Licht schien durch ein großes Astloch in den Raum und strahlte auf ein goldenes Amulett. Der Miauster versuchte sich zu rühren, doch drückten die Ranken nur fester zu.
»Nox? Siwan?«, fragte er.
Keine Antwort. Er schloss die Augen, atmete tief durch und entfesselte einen Blitz in seiner Hand. Die Ranken ließen ab und er stürzte in eine Wiese. Grashalme die hin und her schwenkten und ein angenehmes Aroma verbreiteten.
»Nox? Nox!«
»Ey! Ich bin hier«, rief Siwan.
Der Miauster betrachtete den von Ranken umschlungenen Käpt´n und entfesselte einen weiteren Blitz um ihn zu befreien. Er krachte zu Boden und griff noch im Liegen zu seinem Trinkschlauch.
»Danke, willst du auch?«
Der Miauster schüttelte den Kopf. »Wo ist Nox?«
Siwan blickte sich um und zuckte mit den Schultern. Er trank einen Schluck, erhob sich und deutete auf das Amulett.
»Ist sie das? Ist das die Quelle?«
»Vermutlich. Aber Nox und der Vogel sind nicht hier.«
»Ich werde dann jetzt die Quelle an mich nehmen und dann verschwinde ich hier. Du kannst ja dein Kätzchen suchen gehen.« Siwan streckte sich und ging auf das Amulett zu. Der Miauster packt ihn am Handgelenk.
»Du meinst, ich nehme die Quelle und lasse euch dann gehen.« Rettel lachte.
»Also jetzt reicht es. Lass uns das ein für alle Mal klären.« Wieder zog er seinen Degen und schlug damit nach dem Miauster. Dieser sprang nach hinten und entlud einen Blitz in die Richtung des Piraten.
»Auf den Grund des Meeres gehört ihr«, sagte er und zog seine Dolche.
»Glaub mir, da war ich schon!« Siwan holte zum Stich aus. Der Miauster duckte sich und schlug mit einem Dolch zu. Rettel blockte im letzten Moment und donnerte mit seiner Faust in das Gesicht seines Gegners.
Dieser stolperte über eine Ranke und landete wieder im Gras.
»Sie gehört mir!«, brüllte der Pirat und bohrte seinen Degen in die Brust des Miausters. Er ließ seine Dolche fallen und packte die Schneide der Klinge und hielt sie fest.
»Wenn ich sie nicht bekomme, bekommt sie niemand!« Ein Blitz zischte über das Schwert zu Siwan und schleuderte ihn durch den Raum.
Der Miauster zog die Klinge aus seiner Brust, machte zwei Schritte auf das Amulett zu und brach dann zusammen.
Rettel schnappte nach Luft. Sein Sichtfeld war schwarz und seine Glieder zitterten.
Der Miauster kroch nach vorne. Bis er unter der Quelle war. Er drehte sich auf den Rücken und schaute nach oben. Er fühlte die aufkommende Kälte in seiner Brust und kam der sich nähernden Finsternis entgegen, indem er seine Augen ein letztes Mal verschloss. Seine Lippen formten sich und stießen einen letzten Laut aus:
»Nox…«
Der Miauster saß mitten in der Wüste. Umgeben von Dünen. Sand wirbelte durch die Luft. Seine Kehle war ausgetrocknet. Er ging los, folgte der Sonne. Mit jedem Schritt sank er im Sand ein. Es war nichts zu sehen. Nichts als Sand. Der Wind wurde stärker, machte aus dem umherschwirrenden Sandkörnern Rasierklingen.
»Wasser!« Er wanderte weiter. Setzte einen Fuß nach dem nächsten. Er erinnerte sich an einen alten Zauber und konzentrierte sich. Nichts. Er fühlte keine Verbindung mehr. War die Magie erloschen. Hatte er es geschafft? Er ging weiter. War dies die Mühe wert? In der Wüste zu sterben, nach Jahren der Suche. Hatte er die Quelle zerstört? Wie war er in die Wüste gelangt? Er stoppte und schaute sich erneut um. Ihm war, als hätte er sich nicht von Ort und Stelle bewegt. Etwas fehlte. War es die Magie? Was hatte er zerstört? Er ging in die Knie. Wer war er? Der Sandsturm wurde noch stärker. Schabte ihm die Haut auf. Ein Tropfen Wasser schlug ihm ins Gesicht. Er kroch weiter. Ein weiterer Tropfen Wasser ins Gesicht. Seine Unterarme gruben sich in den Sand und er kauerte sich zusammen um sein Gesicht vor dem Sturm zu schützen. Noch ein Tropfen.
Der Miauster schlug die Augen auf. Über ihm schwebte das Gesicht von Nox. Tränen regneten auf ihn hinab. Grünes Haar bildete einen Vorhang zur Außenwelt. Alles was er sah war Nox.
»Wieso weinst du denn?«, fragte er.
»Du bist gestorben«, sagte sie und schluchzte.
»Aber wieso können wir dann miteinander reden?«
»Siwan! Siwan hat dich gerettet!« Heulend brach sie zusammen und legte ihren Kopf auf seine Brust. Ächzend hob er seinen Oberkörper, hielt dabei Nox fest und schaute zu dem Piraten, der an einer Wand lehnte. Sein Körper war überzogen von Brandwunden.
»Siwan…« Der Käpt´n legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und schüttelte den Kopf.
Der Miauster schlang seine Arme um Nox und drückte sie. »Tut mir Leid.«
Sie entfernte ihr Köpfchen und schaute ihn an. Ihre Augen waren gerötet und noch voller Tränen, doch lächelte sie.
»Du bist wieder da. Bitte bleib.«
Er nickte und tastete seine Brust ab.
»Wie?« Die Wunde war verschwunden.
»Als du abgekratzt bist, wollte ich mir das Amulett schnappen, aber es war nur eine Illusion«, Rettel ging auf den Miauster zu und half ihm auf.
»Als ich das verstand konnte ich Nox wieder sehen. Sie war die ganze Zeit bei uns, aber wir hatten sie nicht bemerkt. Wir waren fokussiert auf unseren Streit.«
»Was? Wie kann das…«
»Das ist Teil der Prüfung. Das Kätzchen konnte dafür das Amulett nicht sehen. Als ich sie zu ihm hingeführt habe sind wieder diese Dinge passiert.« Er deutete auf ihr Haar.
»Und ich konnte es riechen«, sagte Nox, »Ich kann die Magie riechen. Ich verstehe sie jetzt. Ich konnte dich heilen!«
Mit großen Augen schaute der Miauster auf Nox herab und tastete weiterhin seine Brust ab. »Das hast du gut gemacht.« Er streichelte durch ihr Haar und schaute dann Siwan an. »Tut mir Leid.«
Der Pirat schüttelte den Kopf. »Entschuldige dich nicht. Schaff mir die verdammte Hexe vom Hals!«
Vishuddha
»Weiterweg! Weiterweg!«, krächzte der Papagei und kreiste über einen hölzernen Dorn an der Wand.
Nox lief zu ihm und berührte das blaue Symbol. Die Vier leuchteten in einem hellen Blau und begannen zu schweben.
Corax kreischte und wehrte sich gegen das unkontrollierte Fliegen. Nox nahm ihn in den Arm und streichelte ihn. Sie stiegen weiter nach oben durch die Dunkelheit, bis sie in einer schmalen, blauen Kammer angekommen waren. Nox legte ihren Kopf auf die Seite.
Vor ihr standen drei weitere Nox. Der Miauster, Corax und Siwan waren verschwunden. Sie öffnete ihren Mund um zu fragen, doch kam kein Laut aus ihrem Kehlchen. Nox und ihre Kopien sahen sich ratlos an. Eine von ihnen rückte die Anderen zusammen und sie umarmten sich alle. Glück erfüllte ihre Herzen und sie tanzten im Kreis. Ihre Schwänze verknoteten sich und sie rollten über den moosbewachsenen Boden. Aufgeregt hüpften sie hin und her, bis Nox unbedacht auf den Fuß von Nox trat. Nox spürte den Schmerz von Nox. Auch Nox und Nox spürten den Schmerz von Nox. Sie alle kauerten sich hin und streichelten über die Stelle. Nox zwickte sich in den Schenkel und beobachtete Nox. Nox, Nox und Nox zuckten zur selben Zeit zusammen. Nox grinste und sprang Nox an und begann sie zu kitzeln. Nox fing an zu lachen. Nox drückte Nox weg, doch Nox war bereits da um weiter zu kitzeln. Die Vier Nox kugelten lachend umher, bis sie sich erinnerten. Waren wir schon immer Nox? Waren wir Mal mehr Nox mal weniger Nox? Konnte Nox nicht fliegen? Nox, Nox, Nox und Nox starrten nach oben. Sie zuckten mit den Schultern und spielten weiter.
Siwan zog seinen Degen und nahm einen Schluck seines Rums. Siwan tat es ihm gleich, sowie auch Siwan und Siwan es taten. Sie beäugten sich und sprangen zeitgleich los. Die Klingen schlugen aufeinander und durchschnitten die Stille des Raumes. Sie alle Vier machten einen Schritt zurück und wieder vor. Abwechselnd prasselten ihre Schwerter gegeneinander. Schwertmeister am Höhepunkt ihrer Karriere. Immer wieder schlugen sie aufeinander ein, parrierten die Schläge synchron und setzten zu einer neuen Attacke an. Schweiß spritzte durch den Raum. Sie stoppten, griffen nach ihrem Rum, tranken und setzten den Kampf fort. Ein Seeungeheuer. Eine Piratin. Bilder schossen ihnen durch den Kopf. Wieder stoppten sie. War es nicht schon immer so? Hatten sie nicht schon immer gekämpft? Ihre Klingen trafen sich in der Mitte. Siwan starrte den Käpt´n an, dieser starrte Rettel an. Und Rettel betrachtete den Piraten. Sie zogen die Schwerter zurück. Es war anders. Im Herzen war schon immer jemand anderes. Die Kämpfer steckten die Degen weg. Sie fehlte. Sie war weggesegelt. Aber. Sie hatte nie das Herz verlassen. Siwan schaute auf seine Doppelgänger. Sie verbanden sich und wurden zu jemand Anderem. Es war sie. Langes schwarzes Haar, zurückgebunden mit einem Kopftuch. Eine Narbe über dem rechten Auge. Grüne Augen. Sie beachtete ihn nicht. Und doch Siwan war sich sicher.
»Jolyne«, flüsterte er.
Lautes Klirren zerriss die Stille.
Nox rollte auf dem Boden hin und her.
Der Miauster hielt einen Dolch in die Höhe und starrte verdutzt auf den Boden.
Corax zog seine Kreise in der Luft.
Blaue Schmetterlinge flogen herbei.
»Was habe ich gerade getan?« Der Miauster senkte seine Hand und betrachtete seine Hände.
Nox hüpfte den Schmetterlingen entgegen.
Ihr blauer Schein übertrug sich auf sie, färbte erneut ihr Haar in ein tiefes Blau und aus dem Boden erhob sich eine hölzerne Plattform.
»Einen Moment länger. Nur einen kurzen Moment länger«, der Miauster fasste sich an den Kopf.
»Wir haben keine Zeit für sowas. Wir sind nah dran«, sagte Siwan.
Der Miauster atmete tief durch und stieg mit den Anderen auf die Plattform, die sich kurz darauf erhob und sie nach Oben brachte.
Ajna
Indigofarben erstrahlten in der Kuppel. Amethyste bedeckten die Wände, Blitze zuckten durch sie hindurch. Am oberen Ende der Kammer schwebte eine violette Kugel.
»Na endlich! Ich kann es zerstören. Ich kann die Magie zerstören. Alles, was uns all die Jahre hat leiden lassen!«, der Miauster hob seine Hand und entlud einen Blitz auf die Kugel. Die Blitz donnerte mit zehnfacher Intensität zurück und schleuderte die Gruppe quer durch den Raum.
»Ruhig Blut!« Siwan half Nox auf und nahm wieder einen Schluck Rum.
»Nein! Es muss zerstört werden!« Der Miauster entlud weitere Blitze hinauf.
Ein Gewittersturm schlug auf sie herein. Die Amethyste platzten unter der enormen magischen Kraft. Die Kuppel zersprang und offenbarte die Baumkrone ringsrum.
»Miauster!« Nox krallte sich an Siwans Stiefeln fest. Der Käpt´n hielt sich an einem Ast fest.
»Das ist sie! Das ist die Quelle! Für all das Leid! Für Nāys Hass und Krankheit. Die Quelle für Krieg! Pest und Räuberei!« Der Miauster hatte sich zwischen vergabelten Ästen festgesetzt und feuerte weiter auf die Kugel ein. Die Blitze schossen nun auch in den Wald, um sie herum, schlugen in das Meer ein und griffen in den Himmel hinauf.
»Du musst aufhören!«, brüllte Nox.
»Nein! Es wird niemals enden! Nichts von all dem wird enden, wenn ich die Magie nicht zerstöre, wenn ich es nicht selbst beende!«
»Du bringst uns um!«, rief Siwan.
Der Miauster griff weiter und weiter an.
»Nox! Du musst ihn stoppen«, sagte Siwan und reichte ihr seine Hand.
Nox nickte und der Pirat schleuderte sie mit aller Kraft in die Richtung ihres Miausters. Sie landete zwei Äste weiter neben ihm. »Miauster! Bitte!«
»Geh weg! Ich muss das tun!« Er entlud einen riesigen Blitz in die Kugel hinein.
Sofort schoss ein noch gewaltigerer Blitz zurück in den Ast an dem sich Siwan hielt. Ächzend brach das Holz auseinander und riss den brüllenden Käpt´n mit sich in die Tiefe.
»Miauster!«
»Ich werde es zerstören!«
»Nein!« Nox entlud einen Blitz auf den Miauster und kreischte. Zitternd krallte er sich am Ast fest.
»Bist du bescheuert?«
»Hör mir zu!«
Der Miauster öffnete den Mund um zu protestieren, dann schaute er nach unten. Der Wald brannte. »Siwan…«
»Siwan! Du hast ihn getötet! Du kannst das nicht zerstören!«
»Aber ich muss!«
Nox schüttelte den Kopf. »Nein!« Sie kletterte zu ihm und schaute in seine Augen. »Du musst das nicht, aber ich«, sagte sie. Nox presste ihre Lippen auf die des Miausters, genoss seine Wärme für einige Sekunden, dann wandte sie sich ab und entlud einen enormen Blitz in die Kugel. Kleine Blitze strömten heraus, ehe sie zersprang und Finsternis offenbarte. Der Himmel verlor seine Farbe. Das Licht verschwand. Aus den Bruchstücken der Kugel stieg Etwas hervor. Zwei Schwingen, ein schuppiger Körper. Ein dornenbesetzter Schwanz und ein graueneregendes Maul voller langer, spitzer Zähne.
»Konton«, rief Nox,
»Er hat zu mir gesprochen! Er war es die ganze Zeit!«
»So stand es geschrieben, so sollte es geschehen!«, sagte der Drache. Er flog zu Nox und dem Miauster und betrachtete sie.
»Kind meines Zaubers du hast mir gut gedient, doch nun ist deine Aufgabe vollendet«, sagte er, riss sein Maul auf und verschluckte Nox.
»Nox!«, der Miauster packte die Nüstern des Drachen und zerrte daran. »Spuck sie sofort aus!«
Konton schüttelte den Kopf und schleuderte den Miauster durch das Geäst. Er krallte sich an einem Ast fest und zog sich hoch. Er entlud einen Blitz in die Richtung des Drachen und schleuderte einen Dolch hinterher.
Dieser prallte am Schuppenkleid ab und fiel in die Tiefen. Der Blitz kitzelte den Drachen kaum.
»Ihr Menschen fasziniert mich seit Urzeiten. Du warst doch jener, der die Magie vernichten will und doch stellst du dich mir entgegen.« Konton wandte seinen riesigen Kopf dem Miauster zu. »Der Baum ist es, den du zu zerstören ersuchst, nicht Ich!«
»Nicht der Baum hat mir meinen Schatz gestohlen, sondern du!«, antwortete der Miauster und schlug mit seiner Faust gegen Kontons Kinn.
Unbeeindruckt blickte er auf den Menschen hinab. »Du brachtest sie, in dem Wissen über ihre Bestimmung, hierher.«
»Nicht so!«
»Ihr Menschen habt es noch nie begriffen. Alles hat seinen Preis. Jeder Wunsch erfordert Opfer.«
Der Miauster bearbeitete die Schuppen des Drachen abwechselnd mit Blitz und Klinge, ohne irgendeinen Fortschritt zu erzielen. »Gib sie mir wieder!«
»Das genügt. Ich werde den Baum nun niederbrennen und die Magie in den Flammen ersticken!« Konton schlug mit seinen Schwingen und erhob sich über die Baumkrone hinweg.
Der Miauster beobachtete das Geschöpf. Es verharrte still in der Luft, öffnete sein Maul und offenbarte einen brennenden Odem, der die Blätter der Esche verschlang. Höllischer Gestank verbreitete sich. Sengende Hitze verjagte den Wind und fauchte dem Wald zu. Gierig fraß sich das Feuer binnen Sekunden durch das Geäst und erfasste den Stamm.
Der Miauster formte eine Kugel um sich herum um sich zu schützen, doch schmolz die Barriere in sekundenschnelle zusammen. Panisch kletterte er in die Richtung des Stammes, schlitterte an den Ästen entlang und schaute sich nach einem Fluchtweg um.
»Dies ist deine Wahrheit. Dein Ursprung. Erneut werden die Menschen erzittern und bangen«, sagte der Drache. Die Flammen züngelten umher. Wie lange Finger griffen sie nach dem Miauster, verzerrten sich nach ihm. Der Baum ächzte unter ihm.
»Siwan… Nox…« Der Miauster legte seine Hände zusammen. Sein Rücken entflammte. Seine Arme und Beine folgten. Er stieß seine Hände nach oben, feuerte einen finalen Blitz ab und versank im Meer des Feuers. Der Blitz striff Kontons Schwanz und zuckte durch seinen ganzen Körper. Er brüllte laut und funkelte den brennenden Menschen an.
»Zu jeder Zeit gleich.« Der Drache erstarrte. »So entscheidest du dich? So verfehlst du deine Bestimmung?« Aus seinem Maul drang Licht, durchbrach die Finsternis am Himmel und löschte die Flammen. Rauchschwaden strömten aus der Esche und hüllten Konton ein. »Jahrtausende lang haben wir aufeinander gewartet, Sterblicher mit der Seele der Esche«
Der Miauster öffnete seine Augen. Über ihm lichtete sich der Rauch und der Drache kam wieder zum Vorschein. Vor ihm schwebte Etwas. Der Miauster erkannte nicht was, aber er wusste es hatte den Baum, die Magie, gerettet. Langsam schloss er wieder seine Augen.
»Ich bin nicht die, die du suchst. Ich brauche keine Bestimmung. Ich brauche meinen Miauster«, hallte es durch die verkohlte Baumkrone.
»Nox?«, ein letzter Gedanke erfüllte ihn. Mühevoll öffnete er wieder die Augen.
Vor Konton. War das Nox? War sie entkommen? Es war ja doch nur ein Lichtpunkt. Wieder schlossen sich seine Augen.
Sahasrata
Eine violette Aura umgab die weiße Kugel vor dem Verschlinger.
»Wiederhole nicht die Geschichte Yggdrasil. Es ist Zeit für Veränderung«, sagte Konton.
»Mein Name ist Nox«, antwortete die Sphäre.
»Schall und Rauch. Kehre zu mir zurück. Lass uns die Welt erneuern!«
Nox strahlte. »Ich will ihn zurück!«
»So sei es, dann kämpfen wir erneut alter Freund«, sprach der Drache und entfesselte seinen Odem. Schreckliche Flammen umhüllten das Licht und brannten sich tief hinein.
Nox leuchtete und löschte die Flammen. Konton verharrte einige Zeit und betrachtete das Licht vor sich, dann spie er weiteres Feuer aus. Doch wieder wurden die Flammen getilgt. Dieses Mal flog das Licht auf den Drachen zu.
»Du hast lange gelitten. Warst Jahrtausende in mir eingesperrt. Nun bist du frei und doch gefangen. Lass mich das ändern«, sagte Nox. Die Kugel leuchtete greller. Feuer quoll aus dem Maul des Verschlingers. Die Flammen griffen nach den Schuppen. Fraßen sich in den Drachen hinein, verbrannten seine Zähne.
»Der Seelenträger wird kommen«, sagte Konton unter Schmerzen, »Er wird das Siegel brechen und das Leid verbrennen.« Der Drache stürzte hinab, verfing sich im Geäst und zerfiel zu Asche.
Nox verblieb am Himmel. Leuchtend, glänzend. Erfüllt von der Magie aller Menschen. Voller Freude und Trauer. Verbunden mit den Seelen der Menschen und doch allein. Ihr war als wären es wenige Minuten und doch mussten es Jahrhunderte sein, die um sie herum vergingen. Die Esche und der Drache düngten die Insel, den verbrannten Wald. Neue Bäume erhoben sich, wuchsen in die Höhe. Vögel nisteten, vermehrten sich und bevölkerten den Himmel. Die Menschen verließen die Insel, ihre Siedlungen verwuschen sich im Laufe der Zeit. Unzählige Seelen kamen zu ihr, regenerierten sich und kehrten auf die Erde zurück.
Sie konnte sich bewegen. Sie hätte reisen können, erleben, wiedergeboren werden und doch verblieb sie. Nox wartete auf eine Seele. Eine, die niemals kommen würde. Der Verschlinger hatte sie verbrannt, für immer aus dem Zyklus gebannt. Und doch wartete sie. Alle hundert Jahre sprach sie mit Siwan, seiner Mannschaft und genoss die Lieder von Corax. Sie wechselten ihre Namen, lebten immer länger. Sie kehrten immer unglücklicher zurück. Brauchten längere Regenerierungsphasen. Nox begrüßte die Gesellschaft von Bekannten. Doch wusste sie, er würde nie wieder zurückkehren.
Hundert von Millionen von Seelen kehrten auf Einmal zurück. Unendlich Energie schwoll durch Nox. Sie konnte es nicht ertragen.
Sie wollte es nicht mehr.
Sie verbrannte sie. Eine Seele nach der anderen. Die Zeit drehte sich. Von Schmerz erfüllt, brüllte Nox und der ganze Himmel kreischte. Die Zeit sprang und sprang.
Die letzte Seele brannte aus und Nox sah ihn. Er brannte in seinen Flammen. Über ihr tobte ein Sturm. Der Drache kämpfte gegen sie an.
Sie erinnerte sich zurück. Sie spürte, dass ihr Licht schwächer wurde. Sie würde nicht verbleiben können.
Nox löschte die Flammen. Und betrachtete ihn.
Der Miauster öffnete die Augen.
»Nox?«, sagte er mit rauer Stimme. Sie konnte ihn nicht umarmen, nicht spüren.
»Ich bin nicht deine Nox, aber schenke ich Ihr dich«, sagte sie und verglimmte.
Konton brüllte auf. Der Miauster griff nach den Fäden seiner Magie, doch waren sie fort. Er grinste und starrte hinauf in das Licht.
»Auf Bald, Nox«, sagte er und schloss die Augen.

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