Das Mädchen im Wein

Der süße Duft von Heu und der erdige Geruch der Ziegenweide vermischen sich mit dem beißenden Gestank der Hinterlassenschaften der Herde. Die letzten Strahlen der Sonne stachen aus der sich bildenden Wolkendecke hervor und schenkten die letzte Wärme vor dem Regen. Nox lag auf einem Heuhaufen, ihre kastanienbraunen Augen starrten in die Weite Hügellandschaft hinter dem Weidezaun. Hunderte kleine schwarze Fliegen schwirrten um sie herum. Angezogen von allem, auf dem sie sich vor dem anbrechenden Regen verstecken konnten. Ihr smaragdgrünes Haar fiel in Büscheln zwischen ihre katzenartigen Ohren, die bei jedem nahenden Insekt zuckten. Sie lauschte dem Blöken der Ziegen. Hin und wieder hörte sie die Böcke, die ihre Kämpfe austrugen und die Jungtiere, die ihnen nacheiferten.

Lächelnd sprang sie auf und schnippte sich die letzte rote Weintraube, die sie in ihren Taschen gebunkert hatte, in den Mund. Ihre Haut war glatt und prall. Ein vergnügliches Geräusch entglitt ihrer Kehle, als sie den süßlichen Saft auf ihrer Zunge verteilte. Sie spürte den grobe Kies unter ihren Füßen, als sie zum Zauntor eilte. Der lange braune Mantel mit der weiten Kapuze, den sie trug flatterte hinter ihr her. Durch eine Aussparung am Saum ragte ihre grüner Schweif umherpeitschend hervor. Sie lehnte sich dagegen, wobei ihre blasse Haut gegen das raue Holz rieb und in die Richtung der Ziegen winkte.

»Es ist Zeit! Kommt zurück!« Das alte Holz knarrte, als sie sich mit einem Ruck über den Zaun schwang und mit ihren Füßen im kühlen Gras landete. Sie drehte sich einen Moment um und schaute reumütig auf ihre Lederschuhe zurück, die sie neben dem Futterwagen am Scheunentor abgelegt hatte. Zuerst setzte sie vorsichtig einen Schritt nach vorn, wich den Wildblumen und Kothäufchen aus, wurde dann aber immer flinker. Beinahe elegant tanzte sie durch das Gras, bis ein dicker Tropfen genau auf ihrer Nasenspitze landete. Abrupt blieb sie stehen, starrte in den Himmel und machte große Augen. Schwarze Wolken nahmen den Platz am Himmel ein. Aus der Ferne drang ein Röhren herbei.

Nox zog sich ihre Kapuze über den Kopf und eilte zu der großen Eiche in der Mitte der Weide. Die meisten Ziegen hatten sich um ihren Stamm versammelt und meckerten vor sich hin. Dort angekommen umringten die Tiere das Mädchen und glotzten sie mit ihren leeren schwarzen Augen an.

»Ihr Hornköpfe! Ihr wisst doch, dass ihr bei so einem Wetter in den Stall sollt. Kommt mit!« Sie tätschelte einer weiß-braunen Ziege auf den Kopf, wirbelte herum und marschierte in die Richtung des Stalltors. Mit erhobener Nase voran führte sie die Ziegen quer über die Weide, zog das Gatter auf.

Die beiden scheckigen Böcke liefen an ihr vorbei in den Stall hinein.

»Ihr stinkt«, rief Nox lachend hinterher und begann mit ihren Fingern zu zählen, als die zehnte Ziege, ein schwarzes Tier, an ihr vorübergezogen war, legte Nox ihre Schwanzspitze auf ihre eigene Schulter und begann mit den Fingern neu. Dann wechselte sie von Schulter zu Nasenspitze und setzte ihre Zählung fort. Die letzte Ziege war braun und hatte einen prallen, weißen Bauch. Sie meckerte vor sich hin, während Nox hinter ihr das Tor verschloss. Nachdenklich starrte sie auf ihre Finger, legte ihren Kopf schräg und zuckte mit dem linken Ohr. Sie berührte mit ihrer Schwanzspitze jeden Finger und zählte noch einmal laut vor sich hin. Wieder schüttelte sie den Kopf und drehte sich zur Eiche. Ein breites Grinsen huschte über ihr Gesicht, als sie zwei Jungtiere entdeckte, die noch unter dem Baum standen.

Sie machte sich auf. Über ihr leuchtete der Himmel auf, als der erste Blitz durch die Wolken zuckte. Nox legte die Ohren an. Mit in die Hüften gestemmten Händen stellte sie sich vor die beiden Ziegen, da brach über ihr der Donner los. Ein Höllenlärm, der sie zum Stocken brachte. Sie presste ihre Hände auf die empfindlichen Katzenohren auf ihrem Kopf, schüttelte sich, dann fixierte sie wieder die Zicklein. Das eine hatte ein rötliches Fell mit grauen Flecken, während das andere ganz und gar schwarz war. Ängstlich starrten sie sie an.

»Fleckchen, was machst du denn?« Nox kniete sich zu dem Tier hinunter. Sein Huf war zwischen zwei Wurzeln verhakt. Das Junge meckerte verzweifelt vor sich hin, während das andere im Kreis um es herumsprang.

Nox griff nach dem Beinchen und zog daran. Sofort kreischte das Zicklein auf. Erschrocken ließ sie das Tier los. Ihr Schweif zuckte nervös umher. Hinter ihr erhellte sich der Himmel einen Augenblick. Die Regentropfen wurden dicker und überdeckten endgültig den Gestank von Ziegenurin. Das Mädchen beugte ihren Kopf über das Bein und erkannte, dass Fleckchen blutete. Ein Dorn hatte sich in den Fuß über dem Huf gebohrt. Ihre Hände begannen zu zittern. Was sollte sie nun machen? Hektisch schaute sie sich um. Sael war noch immer nicht da. Niemand war da. Nox streichelte Fleckchen zwischen den kleinen Hörnchen und ergriff die andere, fingerdicke Wurzel. Sie zerrte daran, bis ihr Kopf rot anlief, als über ihr der Himmel wieder brüllte. Ihre Ohren zuckten unter der Kapuze. Resigniert schaute sie in die Richtung des Schuppens. Sie wusste, dass Sael wieder einen Streich vorbereitete. Und sie würde ihm wie immer verzeihen.

»Ach Fleckchen, was soll ich denn jetzt machen? Papa ist beschäftigt. Sael lässt sich einfach nicht blicken.« Sie starrte auf das verletzte Beinchen und grübelte. Sie schob einen Finger zwischen die beiden Wurzeln, bewegte ihn hin und her, wobei sie Fleckchen erwartungsvoll ansah. Die Ziege meckerte kleinlaut.

»Ok warte kurz. Kobold, pass auf deine Schwester auf.« Sie deutete mit der Schwanzspitze auf das schwarze Zicklein. Nox lief um die Eiche herum, suchte den Boden ab und hob einige Äste auf, bis sie einen gefunden hatte, der einen ähnlichen Durchmesser wie ihr Finger hatte. Das Prasseln des Regens wurde lauter. In der Ferne erhellte ein Blitz die schwarzen Wolken, die sich über das gesamte Gut ausgebreitet hatten.

Nox strich Fleckchen über den Hals, schob den Ast zwischen die beiden Wurzeln und hebelte an den Wurzeln herum.

»Stillhalten sonst tut`s weh!« Nox biss die Zähne zusammen und zog mit aller Kraft, bis die Wurzel krachend nachgab.

»Du bist frei!« Triumphierend half sie Fleckchen den Dorn zu entfernen und nahm sie auf den Arm. »Du frisst zu viel Gras. Wie soll ich dich denn so tragen?« Stöhnend marschierte sie mit Kobold hinter sich über die nasse Wiese. Wieder hallte der Donner über den Hof. Vor Schreck rutschte Nox aus und landete auf dem Hintern. Fleckchen befreite sich meckernd aus ihrem Griff und humpelte los. Das Mädchen starrte den beiden Ziegen hinterher. Sie knurrte, als sie das Häufchen bemerkte, in dem sie saß. Ihre Stoffhose saugte sich voll. Zitternd und durchnässt öffnete sie den Beiden den Stall und stapfte zu ihren Schuhen. Betrübt leerte sie die Pfützen darin aus und folgte dem Pfad zurück zu der abfallenden Seite des Weinbergs.

Mit hängenden Schultern betrachtete sie den Hang auf dem Hunderte Weinstöcke wuchsen. Ein Pfad schlängelte sich zwischen den Reihen von Pflanzen am Berg hinab zur Senke. Der Wein schien sich endlos in beide Richtungen zu erstrecken. Sie legte den Kopf zur Seite. Waren bereits alle Arbeiter drinnen? Hatte sie so lange gebraucht?

Nox atmete tief ein und wandte sich dem Anwesen zu, das mit seinen beiden Flügeln auf dem höchsten Punkt des Berges stand. In Gedanken war sie bei einem heißen Bad und einem leckeren Abendessen mit ihrem Papa. Sie leckte sich über ihre kalten Lippen. Nox Ohren zuckten. Es war nichts außer dem Regen zu hören. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Was war das für ein Geruch?

Blitz und Donner kündigten Unheil an. Was auch immer sie gerochen hatte wurde vom starken Regen überdeckt. Die Kälte kroch ihr langsam in die Knochen.

Ein weiterer Blitz beleuchtete das Weingut und Nox erstarrte. Der feuchte Stoff ihrer Kapuze spannte sich über ihre aufgestellten Ohren und ihr Schwanz zeigte stocksteif in den Himmel. Sie zitterte.

»Sael?« Ihre Frage wurde vom Donner verschluckt.

Das Haar des Stallburschen klebt dunkel auf seiner Stirn. Seine einst roten Wangen sind fahl, die Augen leer. Ein tiefer Schnitt in seiner Kehle klaffte hervor. Sein Baumwollhemd war mit seinem eigenen Blut vollgesogen. Der Junge lag mitten auf dem Weg, als wäre er unterwegs zu Nox gewesen.

Ihr Herz raste. Jeder Muskel an ihrem Körper zitterte.

»Sa …?« Sie keuchte. Ihre Brust verknotete sich. Ihre Gedanken rasten umher. Sie schnappte nach Luft und machte einen Schritt zurück. »Papa? Papa!« Wie von selbst bewegen sich ihre Beine. Ihre Lunge brannte, während sie auf das Haus zurannte. Auf dem Weg fand sie niemanden. Immer mehr Angst erfüllte sie. Wo waren alle? Ein eiskalter Schauer lief ihren Rücken, bis hin zu ihrer Schwanzspitze hinunter, als sie vor der offenen Pforte stand. Um den Eingangsbereich lag eine schlammige Pfütze. Unzählige Fußabdrücke führten durch die Eingangshalle in alle Richtungen.

Nox rümpfte bei dem beklemmendem Geruch in der Luft die Nase. Ein metallischer Geschmack lag auf ihrer Zunge. Ihr Sichtfeld schwankte. So schnell es ihr ihr Körper erlaubte durchquerte sie den Raum, stapfte die Treppen hinauf. Der Teppichläufer war schlammig. Das Haus war still. Das einzige was Nox hören konnte waren ihr eigenes Herz und ihre stumpfen Schritte. Den violette Vorhang vor dem Arbeitszimmer ihres Papas fokussierend, stolperte sie durch den endlos langen Flur, schob den Stoff beiseite und stand in dem Raum, in dem sie ihrem Papa immer finden konnte.

Dort stand er. Der gepflegte graue Bart schmückte sein stolzes und doch immer freundliches Gesicht. Sein Haar war ordentlich zurückgekämmt. Er trug wie üblich sein purpurnes Wams mit verschnörkelten Symbolen über seinem schwarzen Leinenhemd. Die goldenen Manschettenknöpfen hielten die Ärmel fest. Sein Rücken gerade und der Blick glasklar. Papa.

Nox öffnete den Mund und erfror, als sie den anderen Mann im Raum bemerkte. Er trug ein eng anliegendes Ledergewand, umwickelt mit schwarzem Stoff. Seine Kleidung spannte sich über seinen bulligen Körper. Sein Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt, die groben Züge von dichten, stoppeligem Haar eingerahmt. Seine eisblauen Augen funkelten kalt und gnadenlos. Ein fauliger Geruch ging von ihm aus, der, wie Nox erkannte, das ganze Haus erfüllte. Obwohl er kleiner war als Papa, wirkte er bedrohlich.

»Schade eigentlich, dass du meinen Bruder so sehr hasst.« Seine raue Stimme klang amüsiert und ungreifbare Gefühle lagen darin. »Er hat die gleiche Vorliebe für dieses Geschmeiß.«

»Ich sehe, dein Neid auf Hektor lenkt dich noch immer.«

Der Mann schnaubte nur und zog ein langes Messer von seinem Gürtel. Die Spitze war nach innen gebogen. Entlang der Schneide waren kleine Haken eingearbeitet, die in verschiedene Richtungen zeigten.

»Papa. Wer ist der Mann?« Nox stand wie gefesselt am Eingang. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie ihre eigenen Gedanken kaum hören konnte. Hatte er Sael …? Nox erschauderte. Wo waren die Erntehelfer? Der starke Koch?

»Ein sehr unangenehmer Besuch. Bitte zieh dich zurück, bis unser Gespräch zu Ende ist.« Er besah das Mädchen mit einem strengen Blick. Dann lag seine Aufmerksamkeit wieder auf dem Fremden.

»Es wird Niemanden geben, der vom heutigen Tag erzählen kann.« Er ging einen Schritt auf Papa zu. »Rück das Medaillon heraus.«
Papas Blick glitt erneut zu Nox, diesmal mit einer Wärme, die sie nicht verstand.
»Was kannst du tun, um die Situation zu verbessern?« Seine Worte waren leise, kaum hörbar. Nox Atmung beruhigte sich. Er sagte das immer, wenn sie um Hilfe bat. Doch was konnte sie tun? Weglaufen? Alles in ihr schrie, zu laufen, aber ihre Beine verweigerten den Dienst. Hilfe holen? Es war niemand da. Alle waren verschwunden.

»Alter Mann. Gib mir das Medaillon.« Seine Stimme wurde zornig und die Klinge richtete sich auf Papas Hals.

Anmarin seufzte. »Es ist hier, Oreon.« Langsam zog er einen kleinen Beutel aus seiner Brusttasche und hielt ihn hoch. »Du folgst einem Lügenkonstrukt.«

Mit einem Satz schleuderte er den Beutel durch den Raum. »Nox!«, rief er, und ehe Oreon reagieren konnte, war Papa in Bewegung.

Er sprang vor, seine Hände blitzschnell vor Oreons Gesicht zusammengeklatscht. Ein ohrenbetäubender Knall und eine glühende Hitzewelle erfüllten den Raum. Nox schrie auf, stolperte rückwärts und riss den Vorhang mit sich, als sie landete.

»Papa?« Ihre Stimme brach, als sie aufstand, das Medaillon fest in den Händen. Was war geschehen? Überall im Raum schwirrten Funken. Die Luft war trocken. Es stank nach verfaultem Ei.

Oreon röhrte laut und warf sich gegen Papa.

Dieser wirbelte herum, knallte seine Ellenbogen zusammen und stieß seine Handfläche in das Gesicht seines Gegners. Oreons Kopf und Kleidung fingen Feuer. Ein Knall folgte und Oreon taumelte einige Schritte nach hinten.

»Lauf weg. Ich liebe dich.« Papa sprang auf seinen Gegner zu. Sein Knie traf Oreons Bauch, und die Dokumente auf dem großen Schreibtisch fingen Feuer.

»Aber Papa. Ich kann nicht ohne dich gehen.« Nox Augen füllten sich mit Tränen. Sie verstand nicht, was geschah.

Blitzschnell bohrte Oreon seine Klinge in Papas Unterleib. »Deshalb seid ihr Punai mir ein Ekel.« Er schob Anmarin von sich. »Gib mir das!«

Etwas in ihr zerbrach. Tränen liefen an ihren Wangen herab. Ihr Körper erbebte. Ihr Papa sackte mit kreidebleichem Gesicht zusammen. Um die Klinge herum saugte sich sein Hemd mit Blut voll.

»Nicht so«, stöhnte er. Papa griff nach Oreons Arm und umklammerte ihn.

Tausend Gedanken tobten in Nox Kopf, während der Arbeitsraum in einem Feuersturm explodierte. Rauch und züngelnde Flammen schleuderten Nox den Gang hinunter. Ihre Ohren schmerzten höllisch, bis Stille sich ausbreitete und in ihren Ohren der Wind rauscht. Es stank nach Qualm und verbranntem Haar.

Nox Magen kippte. Sie biss sich auf die Unterlippe und schüttelte sich. Voller Angst suchte sie nach ihrem Papa. Schwarze Rauchsäulen drangen aus dem glimmenden Raum. Oreon kroch brennend heraus. Sein Gesicht war zerfetzt, voller Ruß. Ein einzelnes kaltes Auge starrte Nox an. Er sagte irgendwas, doch Nox konnte nichts hören. Sein Arm streckte sich zu ihr aus, dann blieb er reglos am Boden, während die Flammen seinen Körper verzerrten und sich auf die Wandteppiche ausweiteten.

Kreischend wirbelte Nox umher und lief den Flur hinunter, durch die Haupthalle hinaus auf den Gutshof. Immer wieder sah sie nach hinten, zog ihre braune Kapuze wieder nach vorne, wenn ihre grünen Haarbüschel zum Vorschein kamen und lief weiter. Ihre blassen Hände umklammerten das Medaillon. Ihr Gehör noch immer auf den Wind fokussiert.

»Nein!«, rief sie, als ein Messer an ihrem Kopf vorbeisauste. Sie sprang los, volles Tempo und schaute hinter sich.

Er folgte ihr. Ohne Rücksicht war er in das Haus eingedrungen und hatte sie alle getötet. Die Klinge eines weiteren Messers blitzte auf.

Er kam näher. Sie musste schneller laufen. Hechelnd bog sie in eine andere Reihe ein. Wein, überall Wein.

Die Reben zerrten an ihrer Kleidung, rissen an ihren Armen, als sie durch die dichten Reihen stürmte. Ihre Füße glitten immer wieder im Schlamm weg, doch sie rannte weiter, blind vor Angst.

Wieder blickte sie zurück. Verschwunden. Nox hatte ihn abgehängt. Doch da stolperte sie über eine Wurzel.

Sie klatschte mit dem Gesicht in den Schlamm und kreischte. Bei dem Versuch aufzustehen rutschte sie wieder ab und fiel den Hang hinunter.

Äste brachen ächzend, als Nox zwischen zwei Reben in den Schlamm krachte. Ihr Atem war flach und unregelmäßig. Zitternd tastete sie im Matsch herum, bis sie den Beutel wieder in den Händen hielt. Sie rappelte sich auf und wollte wieder los laufen, doch hatte sich ihr Umhang verfangen.

Nein. Er hatte seinen schwarzen Stiefel auf den Stoff gestellt.

»Bitte!« Dem Mädchen drangen die ersten Tränen aus den Augen.

Er packte sie an den Fußknöcheln und zog sie zu sich. Ihre Augen glitzerten im Schein der Flammen. Es war alles umsonst gewesen. Sie hätte sich nicht so abmühen brauchen.

»Lass mich gehen, bitte!«

Der Mann legte seine Hand um ihren Hals und griff nach dem Objekt, an dass sie sich noch immer klammerte. Er zerrte daran und drückte dem Mädchen die Luft ab, bis sie davon abließ. Seine Augen waren braun.

Der Mörder ihres Papas war nicht allein gekommen. Die Lippen des Mannes bewegten sich, doch drang kein Geräusch zu Nox vor. Sie hörte noch immer nur den Wind. Sie schüttelte den Kopf.

Schmerz explodierte in ihrem Gesicht, als der Mann sie mit der Faust auf die Nase schlug.

Auf einmal prasselten alle Geräusche auf sie ein.

Der anhaltende Regen, ihr lautes Herz, das Keuchen des Mannes, ihr eigener Atem. Ihre Nase blutete. Tränen standen in ihren Augen.

Er zog ein Seil hervor, legte ihre Arme auf den Rücken und wickelte es um ihre Handgelenke. Er zog ihr am Schweif und grunzte, als Nox vor Schmerz zusammenzuckte. Dann fesselte er auch ihre Fußknöchel.

»Das ist zu fest!« Sie strampelte, peitschte mit dem Schweif hin und her. Kreischend robbte sie nach vorne, als seine Finger sich in ihre Schultern gruben. Er drückte sie so fest in den Schlamm, dass ihr Gesicht in die kalte, stinkende Brühe tauchte. Ihr Schweif zuckte wild, schlug gegen seine Beine, doch sein Griff wurde nur fester.
Bei dem Versuch ihren Atem zu festigen schluckte sie Brachwasser. Sie hustete und zappelte. Seine Faust krachte zwischen ihre Schulten und das Mädchen biss sich mit den scharfen Eckzähnen in die Zunge, als die restliche Luft aus ihren Lungen gepresst wurde. Sie schmeckte eine Mischung aus Blut und Dreck.

»Hör auf zu zappeln. Du wirst mir noch eine gute Menge Viskar einbringen«, sagte der Mann und spuckte ihr in den Nacken.

Ekel und Angst umklammerten sie. Warum war ihr Papa nicht mitgekommen? Schluchzend dachte sie an Fleckchen und Kobold. Wer würde sich um sie kümmern? Alles tat ihr weh. Bilder von dem verbrannten Oreon tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Nox würgte.

Ihre Ohren stellten sich auf. Da war ein seltsames Geräusch. Sie hob ihren Kopf und konnte, außer der Pfütze vor sich, nichts erkennen. War es Papa? Der Koch? Oder doch Oreon? Jede Sekunde intensivierte die Angst. Sie wartete, doch nichts geschah.

Ein lautes Platschen ertönte.

Er packte ihre Hände.

Die Fesseln wurden gelöst. Sie wollte fliehen, doch war das Gefühl in ihren Beinen nicht zurückgekehrt. Seine Hand umgriff ihre Schulter und drehte sie auf den Rücken. Das Mädchen spuckte den Dreck aus, schnappte nach Luft. Er legte ihr ein Tuch auf das Gesicht und wischte es ab. Sie öffnete ihre Augen. Über ihr kniete jemand anderes. Ihr Verfolger lag neben ihr im Dreck. Ein Dolch in seinem Rücken.

»Keine Sorge, der tut dir nichts mehr«, sagte der Mann und lächelte. Sie legte ihren Kopf zur Seite und betrachtete ihn. Sein Hals und Wangen waren von Stoppeln und Narben überzogen. Am Kinn trug er einen kleinen Kinnbart. Grübchen und Falten an den Augen betonten sein Lächeln. Die schwarzen Haare hatte er unter seiner Kapuze zusammengebunden.

Das Mädchen setzte sich auf, schüttelte sich und wischte sich den Dreck aus dem Gesicht. Der Mann streckte seine Hand in ihre Richtung aus. Das Mädchen hob ihre Arme vor ihr Gesicht.

»Nein. Ich möchte dir nur aufhelfen«, sagte der Mann.

Das Punaimädchen zuckte mit den Ohren. Sie betrachtete die Hand des Mannes. Die Fingernägel waren gepflegt. Die Handflächen voller Schwielen. Gehörte dieser Mann zu Oreon? Sie betastete ihre Nase und behielt den Mann dabei im Auge.

»Ein alter Freund von Anmarin schickt mich«, er blickt auf das brennende Anwesen. »Ich soll auf dich aufpassen.«

Nox runzelte die Stirn. Selbst ihr kam das verdächtig vor. Ihr Blick wanderte wieder zu dem Toten. Was wäre passiert, wenn sie nicht gerettet worden wäre? Endlich ergriff sie seine Hand und ließ sich hochziehen.

Sie schaute sich um, betrachtete das Anwesen und die finsteren Reihen aus Reben. Wie viele ihrer Freunde waren heute gestorben? Sie hatte keine anderen Leichen gesehen. Ob alle entkommen waren?

»Du suchst das hier oder?« Ihr Retter hielt ihr das Stoffbündel entgegen.

Sie nickte und nahm das Bündel. »Danke« Sie zwang sich zu lächeln. »Ich …« Nox warf sich ihm schluchzend entgegen. Er drückte sie an sich.

»Es wird alles wieder gut. Ich verspreche es dir.«

In

Ein Kommentar

  1. Was für eine Achterbahn an Gefühlen. Damit hab ich nicht gerechnet. Wow.
    Das ist richtig gut geschrieben und ich konnte mich da richtig gut einfühlen.
    Am Ende klassisches Damsel in distress, aber find ich auch ganz gut. Hoffentlich wird sie nicht submissive zu dem Typen oder so ups ^^ Aber das ist jetzt dann nicht Miauster, oder?

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